Das Rentensystem – Wie funktioniert es und vor welche Herausforderungen stellt es uns?

Das Rentensystem – Wie funktioniert es und vor welche Herausforderungen stellt es uns?
23. August 2021
Das Wichtigste im Überblick
  • Das Schweizer Rentensystem fusst auf drei Säulen

  • Die drei Säulen sind AHV, Pensionskassen und private Vorsorge

  • Teilzeitarbeit wirkt sich sehr schlecht auf die Altersvorsorge aus

  • Das Schweizer Rentensystem braucht eine Reform

Wie gut kennen Sie das Schweizer Rentensystem? Wie funktioniert es? Und wo weist es Mängel auf? Wir geben Ihnen Tipps, wie Sie Ihre Altersvorsorge optimieren können damit Sie Ihre Pensionierung ohne finanzielle Sorgen geniessen können.

Sicherheit im Alter zu schaffen ist kein einfaches Unterfangen, denn es gibt viele Ungewissheiten. Wie lange werde ich leben? Welche Einschränkungen oder Krankheiten werde ich im Alter haben? Wie viel Geld werde ich zum Leben brauchen?

Mit einer auf Ihre Bedürfnisse ausgelegten Altersvorsorge können Sie zumindest in  finanzieller Hinsicht mehr Sicherheit für die Zeit nach der Pensionierung schaffen. 

Die drei Säulen der Altersvorsorge in der Schweiz

Die Basis des Schweizer Rentensystems wurde bereits 1925 gelegt. Damals wurde die AHV eingeführt,  die Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung. Diese staatliche Vorsorge ist für alle obligatorisch und dient der Existenzsicherung. Allerdings reicht die AHV für die Rentenversorgung der Schweizerinnen und Schweizer schon lange nicht mehr aus. Deshalb  wurde das 3-Säulen-System eingeführt.

Das Schweizer Rentensystem basiert auf 3 Säulen.
Das Schweizer Rentensystem basiert auf 3 Säulen.

Jede dieser drei Säulen dient einem anderen Zweck und ist auch anders geregelt. Der Grundgedanke hinter den drei Säulen ist, dass sie gemeinsam im Gleichgewicht die Sicherheit und Lebensqualität im Alter für alle Schweizerinnen und Schweizer absichern.

Die 1. Säule: AHV

Die staatliche Vorsorge regelt die obligatorische staatliche Altersversicherung basierend auf einem Umlageverfahren. Zusammen mit der Invalidenversicherung und den Ergänzungsleistungen wird die Existenzsicherung aller Schweizer und Schweizerinnen staatlich geregelt.

Die 2. Säule: berufliche Vorsorge

Die berufliche Vorsorge wird oftmals mit der Einzahlung in die sogenannten Pensionskassen gleichgesetzt. Sie regelt die Vorsorge von Erwerbstätigen und basiert auf einem Kapitaldeckungsverfahren.Damit dient sie der Sicherung des gewohnten Lebensstils.

Die 3. Säule: private Vorsorge

In der dritten Säule wird die private Vorsorge durch individuelles Sparen nach dem  Prinzip einer Sparkasse geregelt. Das setzt voraus, dass Sie ausreichend Geld haben, um dieses zu investieren oder zur Seite zu legen. Die Altersvorsorge in Form der dritten Säule ist freiwillig, während die anderen beiden Säulen obligatorisch sind.

1. Säule – staatliche Vorsorge

Die 1. Säule dient grundsätzlich der Basisabsicherung Ihres Grundbedarfs im Alter. Sie bildet das Fundament für jegliche weiteren Formen der Altersvorsorge. Durch sie soll das Existenzminimum garantiert werden. Dafür wird ein Umlageverfahren nach dem Solidarprinzip angewandt. 

Was ist ein Umlageverfahren nach Solidarprinzip?

Als Arbeitnehmer finanzieren Sie die Rente der Personen, die heute schon in Pension sind. Die Erwerbstätigen zahlen Beiträge in die AHV ein. Dieses Geld wird an die Rentner ausbezahlt. Werden die aktuell arbeitenden Versicherten in der Zukunft pensioniert, soll die nächste Generation für ihre Rente aufkommen.

Bestandteile der 1. Säule

  • AHV (Alters- und Hinterlassenenversicherung)
  • IV (Invalidenversicherung)
  • EO (Erwerbsersatzordnung)
  • ALV (Arbeitslosenversicherung)
  • EL (Ergänzungsleistungen)

Diese Versicherungen werden durch obligatorische Beiträge und Steuern finanziert. Doch wer zahlt diese? Alle, die in die AHV einzahlen. Dazu gehören sowohl Arbeitnehmende als auch Selbständige, also alle, die eine Erwerbstätigkeit ausüben. Der aktuelle AHV-Beitragssatz beträgt jeweils für Arbeitnehmer und Arbeitgeber 4,35 % vom Bruttolohn (Stand 2021).1 Rund drei Viertel der AHV-Einnahmen werden so finanziert, der Rest kommt vom Bund, der Mehrwertsteuer und Abgaben von Spielbanken. 

2. Säule – berufliche Vorsorge

Die 2. Säule des Schweizer Rentensystems baut auf der AHV auf und setzt sich aus den Pensionskassen und der gesetzlichen Unfallversicherung (UVG) zusammen. Die Pensionskassen verwalten die berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge, kurz BVG. Der massgebliche Unterschied zur 1. Säule ist die Tatsache, dass Sie direkt für sich selbst in Form von Lohnabzügen einzahlen. Die berufliche Vorsorge soll in Kombination mit der AHV-Rente Ihren gewohnten Lebensstandard im Alter sichern.

Die berufliche Vorsorge wird durch ein Kapitaldeckungsverfahren finanziert. Das bedeutet, Sie zahlen in eine von Ihrem Arbeitgeber festgelegte Pensionskasse ein. Diese legt Ihr angesammeltes Kapital an bis Sie pensioniert werden. Daraufhin wird Ihr Kapital wieder an Sie ausgezahlt. 

Wichtige Fakten zur beruflichen Vorsorge

  • Alle ab 25 Jahren, die mindestens CHF 21’510 verdienen, sparen mit Lohnabzügen für sich selbst Kapital an. Davon werden später die Leistungen finanziert. (Stand 2021)2
  • Selbständigerwerbende sind nicht obligatorisch versichert.
  • Die Auszahlung erfolgt in der Regel in Form einer lebenslangen Rente. Ebenso möglich ist eine einmalige Auszahlung oder eine Mischform.
Was versteht man unter dem Koordinationsabzug?

Im Rahmen der beruflichen Vorsorge werden die Beiträge nicht auf den gesamten Lohn erhoben. Der versicherte Lohn, auch koordinierter Lohn genannt, berechnet sich aus der Differenz Ihres Jahreseinkommens und des Koordinationsabzugs. Dieser wird vorgenommen, um die in der AHV versicherten Lohnanteile nicht doppelt zu versichern.

3. Säule – private Vorsorge

Die 3. Säule ist freiwillig. Allerdings ist es bereits seit längerer Zeit allgemein bekannt, dass die 1. und 2. Säule bei weitem nicht mehr das letzte Einkommen vor Ihrer Pension abdecken. Deshalb hat die private Vorsorge in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr an Bedeutung gewonnen. Wollen Sie Ihren gewohnten Lebensstandard im Pensionsalter aufrecht erhalten,  ist eine private Vorsorge unabdingbar. 

Formen der privaten Vorsorge in der Schweiz

Säule 3a – gebundene Selbstvorsorge

Wenn Sie in die Säule 3a einzahlen möchten, wählen Sie zum Beispiel eine Versicherung und leisten an diese regelmässige Geldeinzahlungen. Die geleisteten Beträge können von Ihrem steuerbaren Einkommen abgezogen werden. Auch Kapitalgewinne sind steuerfrei. So profitieren Sie von steuerlichen Einsparungen und sorgen gleichzeitig für das Alter vor.

Säule 3b – freie Selbstvorsorge

Die freie Selbstvorsorge umfasst alle Sparmassnahmen, die nicht unter die Säule 3a fallen. Massgebend ist hierbei, dass Sie im Rahmen der Säule 3b an keine feste Vorsorgeform gebunden sind. Sie können diese frei wählen. Ihre freiwillig angesparten Vermögenswerte dienen dem Vermögensaufbau. Gängige Beispiele für die Anlageformen zur freien Selbstvorsorge sind unter anderem Versicherungen, Aktienfonds oder Immobilien.

Worin unterscheiden sich Säule 3a und 3b?

Säule 3a gebundene Vorsorge
Säule 3b freie Vorsorge

Produkte

Sparkonto 3a, Wertschriftenkonto 3a, Versicherungspolice 3a

Frei wählbar, z.B. Versicherung, Aktien, ETF-Sparpläne, Immobilien

Steuerliche Aspekte

Staatliche Förderung, da Einzahlungen vom steuerbaren Einkommen abziehbar sind. Kapitalzuwächse sind steuerfrei.

Keine steuerlichen Abzüge. Kapitalgewinn ist in der Vermögenssteuer steuerpflichtig.

Verfügbarkeit des Kapitals

Frühestens fünf Jahre vor AHV-Bezug respektive Pensionierung.

Frei wählbar je nach Anlageform.

Wie wirkt sich Teilzeitarbeit auf die Altersvorsorge aus?

Mehr als ein Drittel der Schweizerinnen und Schweizer arbeitet Teilzeit, insbesondere Frauen.3 Die logische Folge: Die Betroffenen zahlen weniger in die AHV ein und erhalten dadurch auch weniger im Alter oder bei Invalidität ausbezahlt. Die Folge ist, dass Betroffene im Alter dann meist nur die AHV-Minimalrente erhalten. Das sind nach aktuellem Stand 2021 nur CHF 1’195 pro Monat.4

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Gut zu wissen

Teilzeitarbeitende, die sich um Kinder oder pflegebedürftige Verwandte kümmern, können sich bei der AHV Erziehungs- respektive Betreuungsgutschriften anrechnen lassen. Das sind jedoch keine direkten Geldleistungen, sondern fiktive Einkommen, die erst bei der späteren Rentenberechnung berücksichtigt werden.

Teilzeitarbeitende haben zudem häufig keine oder nur eine kleine zweite Säule. Grund dafür ist die Tatsache, dass die Pflicht zur Vorsorge im Rahmen der 2. Säule wegfällt sobald das Brutto-Jahreseinkommen unter CHF 21'510 liegt.5 Als Arbeitnehmer in Teilzeit können Sie zwar freiwillige Beiträge in die Pensionskassen einzahlen, Ihr Arbeitgeber muss sich daran jedoch nicht beteiligen.

Für die Altersvorsorge im Rahmen der 3. Säule bleibt dann oft nicht mehr viel übrig. Jedoch können hier schon kleine Beträge viel bewirken, wenn Sie rechtzeitig mit der Einzahlung anfangen. Deshalb ist die private Altersvorsorge in Form von Einzahlungen in die 3. Säule umso wichtiger für Teilzeitarbeitende.

Warum braucht das Schweizer Rentensystem eine Reform?

Das Schweizer Rentensystem steht seit geraumer Zeit vor der Herausforderung, dass die Finanzierung der Altersvorsorge für die Bürgerinnen und Bürger immer unsicherer geworden ist. Sie können sich nicht darauf verlassen, dass Sie im Alter Ihren Lebensstandard von der 1. und 2. Säule finanzieren können.

Grund dafür ist die Kombination aus steigender Lebenserwartung der Menschen. Da sich die AHV durch das Umlageverfahren finanziert, bedeutet das im Umkehrschluss, dass es zukünftig mehr Rentenbeziehende als Beitragszahlende gibt. 

Wann wird das Schweizer Rentensystem reformiert?

Aufgrund der genannten Missstände und einflussreicher Stimmen, wie zum Beispiel des Schweizerischen Versicherungsverbands SVV, wird seit einigen Jahren eine Reform des Schweizer Rentensystems gefordert. Allerdings waren dafür bereits mehrere Anläufe notwendig, da das Volk Reformvorschläge in der Vergangenheit abgelehnt hat. So wurde 2017 das Reformprojekt «Altersvorsorge 2020» per Volksabstimmung abgelehnt. 

Aktuell stehen die Reformen AHV21 und BVG21 im Raum. Gemäss Planung des Bundesrats soll die Reform AHV21 am 1. Januar 2022 in Kraft treten. Die Reform zur BVG21 soll im Verlauf des Jahres 2022 folgen. Beide Reformen müssen vom Parlament allerdings noch final beschlossen werden. 

Was bedeuten die Reformen AHV21 und BVG21 für Sie konkret?

AHV21
BVG21

Erhöhung des Rentenalters von Frauen auf 65 Jahre.

Senkung des Umwandlungssatzes auf 6%, also eine Senkung des Mindestumwandlungssatzes um 0.8%. Aus dem Umwandlungssatz wird die jährliche Altersrente berechnet. Durch den tieferen Umwandlungssatz sinkt die jährlich ausbezahlte Rente für Sie.

Das Eintrittsalter in den Ruhestand wird flexibler. Für Männer und Frauen ist dieser dann im Alter zwischen 62 und 70 Jahren möglich.

Ein Rentenzuschlag soll eingeführt werden. Dadurch sollen die geminderten Renten durch die Senkung des Umwandlungssatzes kompensiert werden.

Erhöhung der MwSt von 7.7% auf 8.4%

Der Koordinationsabzug soll auf CHF 12’443 halbiert werden. Dadurch werden Teilzeitarbeitende entlastet, weil deshalb mehr versicherter Lohn im Rahmen der 2. Säule übrig bleibt.

Die Lohnbeiträge in die Pensionskasse, auch Altersgutschriften genannt, werden angepasst. Im Zuge dessen werden die Altersgutschriften gerade bei den älteren Arbeitskräften gesenkt, was ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern soll.

Quellen

  1. https://www.ahv-iv.ch/p/1.2021.d
  2. https://www.nzz.ch/schweiz/acht-antworten-zur-altersvorsorge-in-der-schweiz-ld.1493686#register
  3. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/817971/umfrage/teilzeitquote-in-der-schweiz-nach-geschlecht/#:~:text=Im%20Jahr%202019%20betrug%20die,weniger%20als%2090%20Prozent%20aufweist.
  4. https://www.ahv-iv.ch/p/1.2021.d
  5. https://www.swisslife.ch/de/private/blog/koordinationsabzug.html