Altersvorsorge in Zeiten der Niedrigzinsen

Altersvorsorge in Zeiten der Niedrigzinsen
23. August 2021
Das Wichtigste im Überblick
  • Der Leitzins der Europäischen Zentralbank (EZB) liegt aktuell bei 0%.

  • Die logische Folge dessen ist eine steigende Inflation.

  • Besonders Sparer sind negativ von Niedrigzinsen betroffen.

  • Beliebte Alternativen zum Sparen sind Lebensversicherungen, Aktien und ETFs.

  • Nutzen Sie Ihre Investitionen zur Altersvorsorge.

Niedrigzinsen bedeuten nicht nur Vorteile

Wenn Sie schon einmal einen Kredit aufgenommen haben, wissen Sie: Auch Geld leihen ist nicht umsonst. Stattdessen zahlen Sie Ihrem Kreditgeber über die Zinsen einen insgesamt höheren Betrag zurück. Momentan sind diese Zinsen sehr günstig, was vor allem an der aktuellen Niedrigzinsphase liegt. Es ist jedoch ein Trugschluss, dass niedrige Zinsen für Sie als Privatperson nur Vorteile bringen. Im Gegenteil können sie, besonders beim Thema Altersvorsorge, entscheidende Herausforderungen zur Folge haben.

Was bedeuten Leitzins und Niedrigzinsen?

Die Definition von Niedrigzinsen ist eine Frage der Perspektive: Für manchen Sparer ist alles unter 4 % schon ein niedriger Zinssatz. Für die Person, die wiederum einen Immobilienkredit aufnimmt, beginnen Niedrigzinsen vielleicht erst bei 1 oder 2 %. 

Vermutlich sind sich jedoch alle darüber einig, dass der Leitzins der Europäischen Zentralbank (EZB) zweifelsohne als Niedrigzins bezeichnet werden kann. Denn er liegt (zumindest für Hauptrefinanzierungsgeschäfte) aktuell bei glatten 0 %.

Gut zu wissen

Der Leitzins ist der Zinssatz, zu dem Kreditinstitute mit einer Zentralbank Geschäfte machen können. Im konkreten Fall für die EU bedeutet dies, dass Banken von der EZB Geld beziehen, um liquide zu sein. Für diese Versorgung mit Geld zahlen Sie, wie auch private Kreditnehmer, Zinsen.

Leitzins als politisches Instrument 

Der EZB-Rat legt den Leitzins fest. Er entscheidet zudem, ob der Leitzins angehoben oder gesenkt wird sowie über Dauer und Zeitpunkt der Änderung. Gründe, den Leitzins anzupassen, können beispielsweise sein: 

  • Die Geldmenge kontrollieren: Ein höherer Leitzins bedeutet, dass es für Banken teurer wird, sich über die EZB mit Geld zu versorgen. Bei Niedrigzinsen ist das Gegenteil der Fall. Das beeinflusst die Banken signifikant bei der Entscheidung, wie viel Geld sie beschaffen möchten. So kann die EZB mehr oder weniger direkt Einfluss darauf nehmen, wie viel Geld sich im Umlauf befindet.
  • Auf den Außenwert des Euros einwirken: Auch für den Wechselkurs einer Währung hat der Leitzins Konsequenzen. Steigt der Zinssatz an, steigt auch der Wechselkurs. Bei einer Senkung fällt er. Das wiederum wirkt sich auf Import und Export aus. Das Ziel einer Politik der niedrigen Zinsen kann deshalb auch sein, den Euro verfügbarer zu machen und so den Export anzukurbeln.
  • Das Wirtschaftswachstum erhöhen, die Arbeitslosenquote senken: Ein niedriger Leitzins bedeutet niedrige Kreditzinsen. Dadurch werden mehr Kredite aufgenommen und mehr Geld in die Wirtschaft investiert. Unternehmen können ihr Budget erweitern und ihre Belegschaft vergrößern – so zumindest die Theorie hinter der Geldpolitik der EZB.
  • Einen Richtungswechsel signalisieren: Wird der Leitzins verändert, geht das mit einer gewissen Berichterstattung einher. Durch eine Zinsanpassung kann die EZB daher auch deutlich machen, welchen Kurs sie für die Volkswirtschaft der EU einschlagen möchte. Auswirkungen haben solche Nachrichten besonders für die Börse: Hier lassen Meldungen über Leitzinssenkungen die Aktienkurse häufig in die Höhe schnellen. 

Niedrigzinsen als Folge der Wirtschaftskrise

Zwar befinden sich in Deutschland die gesamtwirtschaftlichen Realzinsen – also die Zinsen auf das gesamte Vermögen der deutschen Wirtschaft – schon seit Mitte der 80er Jahre kontinuierlich im Fall. Die eigentliche „Ära der Niedrigzinsen“ begann jedoch mit der großen Weltwirtschaftskrise in den Jahren 2008 und 2009. Als Reaktion darauf passte die EZB ihre Geldpolitik an und senkte den Leitzins zunehmend, um die Wirtschaft zu stimulieren. 

Sie war damit übrigens nicht allein: Schon vorher hatten die amerikanische Notenbank FED, die Zentralbank von Japan (Bank of Japan) und die Zentralbank des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland (Bank of England) ihre Leitzinsen auf 0 % gesenkt. Während beispielsweise der Leitzins der FED sich aber schon wieder im Aufwärtstrend befindet, beharrt die EZB weiterhin auf ihrer Niedrigzins-Politik. Ihre Begründung: Die Konsequenzen der Staatsschuldenkrise würden sich nach wie vor auf die europäische Wirtschaft auswirken. Die niedrigen Zinsen sollen Stabilität schaffen.

Was sind die Vor- und Nachteile von Niedrigzinsen?

An der Frage, ob diese Geldpolitik positive oder negative Folgen für die europäische Wirtschaft hat, scheiden sich die Geister. Befürworter verweisen auf die anhaltende Stabilität des Euros und des europäischen Preisniveaus. Außerdem gebe es für Unternehmen die Möglichkeit, mit günstigen Krediten ihre Investitionen zu steigern. 

Dem entgegnen Kritiker, dass diese Option kaum genutzt wird. Denn gerade in Deutschland verfügen viele Unternehmen über ausreichend eigene Finanzmittel und sind nicht auf die Finanzierungsangebote von Banken angewiesen. Gleichzeitig wird befürchtet, dass der erhöhte Geldfluss eine einschneidende Inflation mit sich bringen könnte. Das heißt, Waren und Dienstleistungen werden immer teurer. Denn je mehr Geld im Umlauf ist, desto geringer wird seine Kaufkraft.

Vereinfacht dargestellt bezeichnet Inflation den Wertverlust von Geld. An der Inflationsrate können Sie ablesen, um welchen Prozentsatz der Wert gefallen ist und wie viel Sie für eine bestimmte Menge Geld bekommen. Beispiel: Lag die Inflationsrate bei 2 %, müssten Sie für einen 100-Euro-Artikel in diesem Jahr ungefähr zwei Euro mehr als im Vorjahr zahlen.

Niedrigzinsen treffen Sparer besonders

Vor allem für private Sparer haben Niedrigzinsen jedoch einen entscheidenden Nachteil: Sie bekommen kaum Zinsen auf ihre Ersparnisse. Die EZB verlangt von Banken, die Geld nicht von ihr beziehen, sondern bei ihr parken möchten, einen Zins von 0,5 %. Um keine Kunden zu verlieren, geben die Banken den Negativzins zwar in der Regel nicht an diese weiter. Sie zahlen gleichzeitig aber auch keine oder nur sehr geringe Zinsen für deren Tages- und Festgeldkonten – gelegentliche Sonderaktionen zur Gewinnung neuer Kunden einmal ausgeschlossen.

Das ist besonders in Deutschland ein großes Problem. Gut 40 % des deutschen Gesamtvermögens ruht auf Sparkonten, in Sparbüchern oder kommt als Bargeld zum Einsatz. Gerade Sparkonten und Sparbücher werden vor allem für ihre Flexibilität geschätzt. Denn wenn Sie einmal kurzfristig Geld brauchen, können Sie bei einem Tagesgeldkonto & Co. schnell darauf zugreifen. Das ist natürlich praktisch, aber leider nicht hilfreich, wenn Sie effektiv Vermögen aufbauen möchten.

Was sind die Alternativen zum Sparen?

Für die sonst eher investitionsscheuen Deutschen heißt es daher, Abschied von der Vorstellung zu nehmen, sich wohlhabend zu sparen. Stattdessen ist ein Umdenken angesagt. Denn trotz Niedrigzinsphase sparen 70 % der Deutschen weiterhin. Glücklicherweise gibt es eine Auswahl an aussichtsreicheren Anlageformen für Ihr Geld:

  • Mit Anleihen werden Anleger zu Kreditgebern. Das investierte Kapital funktioniert dabei als Darlehen für Unternehmen oder Staaten. Besonders Staatsanleihen großer Industrienationen wie Deutschland gelten als sicher. Allerdings ist hier die Rendite auch vergleichsweise gering.
  • Möchten Sie direkt von den Niedrigzinsen profitieren, können Sie in Immobilien investieren. Die derzeit günstigen Kredite können Sie als „Betongeld“ nutzen und Wohn- oder Gewerbeobjekte als Kapitalanlage kaufen. Dabei sollten Sie bedenken, dass das Risiko eines Konjunkturrückgangs besteht. Möchten Sie Ihre Immobilie gewerblich vermieten, ist deshalb nicht garantiert, dass sich ausreichend Unternehmen als Mieter finden.
  • Falls Sie nicht sowieso schon darüber nachgedacht haben, können Sie überlegen, Ihre Geldanlage in Aktien zu stecken. Dabei erwerben Sie über ein Wertpapier Unternehmensanteile. Abhängig von Angebot und Nachfrage – die wiederum von Faktoren wie beispielsweise dem Erfolg des Unternehmens, der öffentlichen Berichterstattung oder Prognosen zur jeweiligen Branche und Industrie beeinflusst werden – steigt oder sinkt der Wert der Aktie. Bei einer hohen Rendite, also wenn die Aktie deutlich wertvoller ist als vorher, können Sie sie gewinnbringend verkaufen. Zusätzlich beteiligen viele börsennotierte Unternehmen ihre Aktionäre an ihren Gewinnen und schütten regelmäßig Dividenden aus.
  • Möchten Sie Ihre Erfolgsaussichten optimieren, können Investmentfonds das Mittel Ihrer Wahl sein. Hier legen Sie Ihr Geld gemeinsam mit anderen an. Das erhöht das insgesamte Kaufvolumen und ermöglicht somit auch größere Gewinne. Investmentfonds gibt es dabei sowohl für Anleihen (Rentenfonds), Immobilien (Immobilienfonds) als auch Aktien (Aktienfonds). Oder Sie entscheiden sich für einen ETF: Bei dieser Anlageform werden gezielt Wertpapiere eines ganzen Börsenindex gekauft.

Sie fragen sich, welche Geldanlage am besten zu Ihnen passt? Das lässt sich so pauschal nicht sagen und ist von Ihnen als Person abhängig. Wenn Sie klein, aber auch früh anfangen möchten, sind Fonds jedoch eine vielversprechende Option. Denn für den Anfang müssen Sie keine hohen Beträge investieren. Die Hauptsache ist, dass Sie regelmäßig und über einen möglichst langen Zeitraum einzahlen. So lassen sich auch Marktschwankungen und ungünstige Börsenentwicklungen effektiv wieder ausgleichen. 

Wie klappt die Altersvorsorge trotz Niedrigzinsen?

Im besten Fall können Sie Ihre Investition so zur Altersvorsorge nutzen. Denn auch hier wirken sich die Niedrigzinsen ungünstig aus. Nicht nur, weil Sie im Zuge der Inflation mit bloßem Sparen Verluste machen: Schließlich verliert Ihr Geld an Wert, ohne sich durch Zinsen zu vermehren. Klassische Vorsorgeformen wie kapitalbildende Lebens- und Rentenversicherungen basieren ebenfalls auf Ersparnissen. Für Anbieter dieser Versicherungen ist es daher kaum noch möglich, angemessene Renditen zu erzielen und ihren Kunden Gewinne zu garantieren. 

Weil das Rentenniveau sinkt und die deutsche Rentenlücke wächst, ist private Altersvorsorge aber so wichtig wie nie. Eine geschickte Geldanlage ist hier die rentabelste Alternative zu einem Sparbuch oder Tagesgeldkonto. Und um bei dem Beispiel der Investmentfonds zu bleiben: Neben einem Fonds-Sparplan, bei dem Sie sich Ihre Erträge jederzeit auszahlen lassen können, gibt es auch die Option einer Rentenversicherung auf Fonds-Basis. Eine solche fondsgebundene Rentenversicherung verbindet die Erfolgsaussichten eines Investmentfonds mit der Sicherheit einer Rentenversicherung. Das bedeutet, dass Sie Ihr angelegtes Kapital im Ruhestand regelmäßig als Rente ausgezahlt bekommen.

Trotz Niedrigzinsen handeln statt abwarten

Die Zeit der Niedrigzinsen dauert nun schon mehrere Jahre an, ein Ende ist vorerst nicht in Sicht. Zumindest nicht, bis die Stabilität der Eurozone nach Meinung der EZB sichergestellt ist. Bis zu welchem Zeitpunkt der Leitzins noch auf Nullniveau bleiben wird, dazu hat die Zentralbank sich bisher nicht konkret geäußert. 

Es ist also wenig sinnvoll, auf einen Kurswechsel zu hoffen, um alte Spargewohnheiten beibehalten zu können. Gerade beim Thema Altersvorsorge sollten Sie keine Zeit verlieren und sich frühzeitig damit befassen. Am besten informieren Sie sich schon jetzt über Vorsorge-Alternativen, die zu Ihnen passen!

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Quellen

  1.  https://www.bundesbank.de/resource/blob/607806/748a00c321dfc60023876956b192767d/mL/s510ttezbzins-data.pdf 
  2. https://bankenverband.de/blog/warum-sind-die-zinsen-so-niedrig
    (zuletzt abgerufen am 18.09.2019)
  3. https://www.capital.de/geld-versicherungen/was-sie-ueber-die-niedrigzinsen-wissen-muessen
    (zuletzt abgerufen am 18.09.2019)
  4. https://bankenverband.de/media/uploads/2016/06/08/2016-03_sparenverhalten_bei_niedrigzingen.pdf
    (zuletzt abgerufen am 18.09.2019)
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